Unlängst kam eine junge Frau zu mir in die Erstberatung. Sie fragte:
Wie kann ich mich besser im Unternehmen positionieren?
Wie kann ich den Wert meiner Leistung zur Geltung bringen? Wie mein Gehalt dementsprechend neu verhandeln?
Kurz: Wie kann ich mich und meine Mitarbeiter erfolgreicher machen?

Fotolia 109129477 SViele Frauen möchten Familie und Job unter einen Hut bringen. Die Realität ist davon weit entfernt, sieht man mal von den skandinavischen Vorzeigeländern ab. Die alltägliche Situation von Frauen hierzulande ist oft ein aufreibendes Wettrennen zwischen Kindern, Küche und Karriere, zwischen Mutterrolle und beruflichem Erfolg. An berufstätigen Mütter nagt stets das schlechte Gewissen, es nicht allen Recht zu machen, dem Nachwuchs nicht, dem Chef nicht und sich selbst schon gar nicht. Wer aber meint, bei den „nur“ Vollzeitmütter läuft alles entspannt und rund, irrt. Auch sie leiden unter hohem Erwartungsdruck, ob selbst- oder fremdgemacht.

Der Herbst ist da, die Schule hat wieder begonnen. Alle Stundenpläne stehen, Termine für diverse Tests und Schularbeiten sind bekannt gegeben, oft sogar bis hin zum Notenschluss vor dem Halbjahreszeugnis. Man weiß, was wann kommt.
Es wäre leicht, sich optimal zu organisieren, bei der Sache zu bleiben, sich Notenpuffer zu schaffen für enge Zeiten, Inhalte des Schulunterrichtes noch am selben Tag zu verfestigen, sich für den nächsten Tag vorzubereiten. Weil am Schuljahresanfang aber meist alles noch recht easy dahinplätschert, nimmt man die Sache locker. Man schwindelt sich so durch.

Eine Managerin kam zu mir. Sie sollte einen ultimativ zukunftsentscheidenden Kongress organisieren. Die Teilnehmer waren Wissenschaftler, Experten, Vertreter der Industrie, Kooperationspartner und Konkurrenten, Befürworter und scharfe Kritiker. Kurz: Alles was Rang und Namen hatte. Kritische Momente waren vorprogrammiert. Trotzdem mussten Entschlüsse gefasst werden. Die Zukunft des Dachverbandes hing an einem seidenen Faden.

Sie waren beste Freunde, schon seit der Volksschule, und wahre Technikfreaks. Bis in die Morgenstunden tüftelten sie an Projekten, absolvierten nebenbei ihr Studium plus diverse Spezialausbildungen und gründeten schnell ihr eigenes Unternehmen.
Sie verstanden sich, auch ohne viele Worte. Sie verband die Leidenschaft für ihren Job, ihre gemeinsame Vision und ihre Ideen. Sie waren erfolgreich. Rasch wurde expandiert. Die steigenden Gewinne bestätigten Ihr Geschick, mit Situationen, Zahlen, Gegebenheiten und Menschen richtig umzugehen. Über Organisationsentwicklung zerbrach sich keiner der Beiden den Kopf, weil alles einfach lief. Jeder von ihnen lebte beschwingt und in Freude. Sie hatten keine Sorgen.

 

Dann kam der Tag, an dem sie die Arbeit nicht mehr zu zweit leisten konnten. Sie stellten Mitarbeiter ein, viele aus dem Freundeskreis. Es waren lockere Einstellungsgespräche. Und genau so locker ging es im Betrieb zu.
Doch die Räder drehten sich immer schneller und schneller. Es gab immer mehr Aufträge, Projekte mussten nebeneinander laufen, Anfragen zeitgleich bearbeitet werden. Es war keine Zeit für fundierte Einschulungen, keine Zeit zum sinnvollen Delegieren, keine Zeit zum Überprüfen, keine Zeit zum Besprechen. Es wurden weder Erwartungen klar formuliert, noch Anforderungsprofile, es gab keine Arbeitsplatzbeschreibungen. Es war keine Zeit für nichts und doch verging die Zeit. Mittlerweile waren 64 fleißige Mitarbeiter beschäftigt. Der Betrieb lief, irgendwie.

Die beiden Chefs ahnten, dass ihrem Unternehmen etwas Entscheidendes fehlt. Sie wussten aber nicht was. Sie hatten immer nur im Unternehmen, aber nicht für das Unternehmen gearbeitet. Und sie hatten keine Ahnung von Mitarbeiterführung. Ich wurde gerufen als die Situation zum Eskalieren drohte. Ich setzte mich mit den beiden jungen Männern an den Tisch. Wir analysierten bis in die Nacht hinein und ließen nicht locker, bis ein praxistaugliches Konzept, ein Aktionsplan und festgelegte Zeiten für Orientierungsgespräche festgelegt waren.

 

In den darauffolgenden Wochen begannen wir:

  • mit der Prüfung aller Arbeitsabläufe.
  • mit dem Installieren von nicht vorhandenen Systemen und Strukturen, die weitgehend unabhängig von Personen funktionieren.
  • mit der Stabilisierung von bestehenden Prozessen in der ganzen Firma quer durch alle Abteilungen bis hin zur Persönlichkeitsweiterbildung der Führungskräfte und deren Teams. Diese Arbeit war für alle Beteiligten ganz neu und wurde buchstäblich aus der Wiege gehoben.
  • damit, Ideen und Anliegen der Mitarbeiter aktiv aufzunehmen, Möglichkeiten zu prüfen, Pläne zu erstellen und umzusetzen.

Bald schon atmeten alle auf. Aber es galt dranzubleiben. In regelmäßigen Abständen haben wir gemeinsam weitergearbeitet. Die Abstände haben sich nach und nach verlängert. Mittlerweile bin ich nur noch ein Mal im Monat im Unternehmen.

Juliane Müller

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